georgischer weinhänd

Wer über die Kakteenwiese läuft, gibt nicht auf

Levan Lechleitner ist georgischer Weinhändler im westlichsten Bundesland Österreichs. Der Weg dorthin war lang und reich an Abenteuern: von Gori, der Geburtsstadt Stalins bis ins Gsi.

von Petra M. Kraxner

Wann wusstest du, dass du dein eigenes Unternehmen gründen möchtest?

Da muss ich ein wenig ausholen. Also. Ich war 13 Jahre alt. Georgien war im Umbruch. Es gab nichts. Keinen Strom, kein Essen. Ich stand 48 Stunden in einer Schlange, damit ich ein Brot bekomme. Als ich endlich das Brot in der Hand hielt – war es blau. Es war zwar frisch aus dem Ofen, aber es war blau. Ich habe keine Ahnung warum. Aber das Bild hat sich eingraviert in mein Gehirn. Es war mein Antrieb. Meine Motivation. An diesem Tag habe ich für mich entschieden: Ich muss etwas unternehmen. Ich möchte nicht darauf warten, dass etwas besser wird, ich möchte es selbst in die Hand nehmen, mich um mich und meine Familie kümmern und Unternehmer werden.

Damals habe ich angefangen, Geschäfte zu machen. Ich habe alles gekauft und verkauft, was legal war. Sowieso war das Land im Arsch; in der Ära Schewardnadse stand Korruption hoch im Kurs. Wenn man zum Finanzamt gegangen ist, wusste man nicht, ob sie die Steuern, die man zahlt, am Abend im Restaurant verpulvern.

Später habe ich an der Universität Gori Wirtschaft studiert. Aber die wirtschaftliche Lage in Georgien war verheerend. Nachdem ich das Studium abgeschlossen hatte, wollte ich in die USA, um in Chicago weiter zu studieren. Ich habe ein Jahr lang hart dafür gearbeitet und schließlich auch eine Einladung bekommen. Aber als ich dann auf die amerikanische Botschaft gegangen bin um ein Visum zu beantragen, haben Sie mir gesagt: „Ihre wirtschaftliche und soziale Lage hier in Georgien ist so schlecht, dass Sie in den USA bleiben werden.“ Mein Antrag wurde abgelehnt. Für mich persönlich war das eine große Enttäuschung.

Es war eine schlimme und korrupte Zeit. Man konnte nichts machen, aber ich habe nicht aufgegeben. Ich bin gereist, habe Kurse besucht; alles, was es gab, habe ich probiert. Malkurse. Schwimmkurse. Deutschkurse. Bergsteigerkurse. Ich war wie ein trockener Schwamm, der darauf wartet, endlich ins Wasser tauchen zu dürfen.

Wie bist du nach Österreich gekommen?

Anfang 2000 habe ich über ein Theaterprojekt die Liebe meines Lebens kennengelernt – eine Opernsängerin aus Feldkirch. Es war für uns beide Liebe auf den ersten Blick.

Doch ich musste zurück nach Georgien; es war extrem schwierig, ein Visum zu bekommen. Meine Frau hat wochenlang sämtliche Behörden abgeklappert. Dementsprechend war die Freude groß, als der Antrag endlich bewilligt wurde. Als Migrant in Österreich müssen Auflagen erfüllt werden; also habe ich eine Woche, nachdem ich in Vorarlberg angekommen bin, angefangen als Leiharbeiter bei einer Paketfirma zu arbeiten. Mein Deutsch war noch nicht sehr gut. Mein Diplom zählte hier nicht. Es war das erste Mal, dass ich einen Vorgesetzten hatte.

Wie war das für dich?

Es war seltsam. Aber ich hatte immer mein Ziel vor Augen. Ich wusste auch, dass es wichtig ist, erst die Sprache und die Kultur kennenzulernen. Trotzdem war es schwierig. Ich hatte die Worte meines Vaters im Ohr: „Wenn du überlebensfähig bist, kannst du auf Stein überleben“. Ich wusste, dass ich irgendwann selber mein Boss sein werde, ich habe den Glauben daran nie aufgegeben.

Wie lange hast du für diese Leasingfirma gearbeitet?

Insgesamt war ich ca. ein Jahr dort. Später habe ich über einen Freund einen Job an einer Tankstelle gefunden. Den habe ich insgesamt fünf Jahre lang gemacht. Zuerst im Kundenservice, später habe ich immer mehr Aufgaben übernommen. Richtiges Management. Es war für mich ein idealer Ort, um mit Menschen in Kontakt zu treten, sie kennenzulernen. Wir hatten viele Stammkunden, die mir ans Herz gewachsen sind. Ich habe in dieser Zeit sehr viel gelernt und ich bin sehr dankbar, dass ich so eine soziale Arbeit gemacht habe.

Wann hast du dich endgültig entschieden, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen?

Ich habe mich seit langem darauf vorbereitet, eine Weinexpertenausbildung absolviert und Geld gespart, um in die erste Weinlieferung und die Firmengründung investieren zu können.

Als ich dann vor drei Jahren bei der Tankstelle gekündigt habe, war mein Chef schockiert. Ich war ein guter Verkäufer. In den fünf Jahren, in denen ich bei ihm war, ist der Umsatz sehr gestiegen. Zum Schluss habe ich sogar Schulungen für die Mitarbeiter übernommen.

Warum Wein?

Wein ist eine Lebensphilosophie und Georgien die Wiege des Weines, mit einer traditionellen Weinkultur, die auf über 8000 Jahre zurückgeht.

Wie schaut heute dein Arbeitsalltag als Weinhändler aus?

Ich gehe in meinen Weinkeller, suche die passenden Weine aus und dann fahre ich zu den Kunden. Mir ist persönlicher Kontakt sehr wichtig. Deshalb präsentiere ich meine Weine im Rahmen professioneller Weinverkostungen. Ebenso wichtig sind für mich die Geschichten, die sich hinter jedem guten Tropfen Wein verbergen. Ich öffne nie eine Flasche, bevor ich nicht über Kultur des georgischen Weines geredet habe.

Manchmal werde ich gefragt, warum ich keine Degustationen für mehr als zehn Personen anbiete. Für mich sind sechs bis sieben Teilnehmer das Maximum und das aus einem einfachen Grund: Ich möchte mit jedem Menschen in direkten Kontakt kommen. Wenn es zu viele sind, kommt das Gleichgewicht durcheinander.

Für mich steht nicht die Gewinnmaximierung im Vordergrund, es geht mir um mehr… um das Gefühl, die Kommunikation, die Liebe zum Wein.

Du organisierst alles selbst?

Ja. Alles. Vom Einkauf über den Vertrieb bis zur Buchhaltung. Ich kenne jeden Winzer und jeden Käufer persönlich.

Wer sind deine Kunden?

Menschen, die offen sind. Der georgische Wein war lange hinter dem Eisernen Vorhang versteckt. Im Moment ist jedoch ein gewisser Trend zu beobachten – die Nachfrage in Mitteleuropa steigt.

Was verursacht dir Stress?

Ich sehe meine Arbeit nicht als Stress, sondern als Aufgabe. Das Einzige, das mich stressen würde, wäre Krankheit.

Kannst du dir vorstellen, nicht mehr zu arbeiten?

Nein. Warum auch. Ich liebe meinen Beruf.

Was macht mich glücklich?

Mit meiner Frau ein gutes Glas Wein trinken.

Was ist deine persönliche Lebensphilosophie?

Wenn man durch eine Kakteenwiese läuft, bekommt man einen Adrenalin-Stoß, der dich daran erinnert, deine Träume zu verwirklichen. Mein Vater hat immer gesagt: „Es gibt 100 Wege, die dich zu deinem Ziel führen, und manchmal dauert es einen Tag und manchmal dauert es zehn Jahre, bis du dort hinkommst. Das Wichtigste ist, dass du nicht aufgibst.

Abschließend ein Zitat des Großvaters Parmen Bregvadze – Weinbauer und Weinliebhaber – den Namen PARMEN hat Levan für sein Unternehmen übernommen:

„Ein guter georgischer Wein, ist so kostbar, wie die Träne einer Nachtigall.“

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