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Schichten der Persönlichkeit freilegen, wie in einem Archeologischen Projekt!

2. Teil des Interviews mit Roman, wo es um Impulse nachgehen und um die Entdeckung der Inneren Stimme geht. Unter anderem…

 

 

Roman, Wien und Graz

von William Franck

Ich habe eine kaufmännische Ausbildung, Handelsakademie-Matura, und bin dann über meinen Vater, der Fotograf ist, ins fotografische und grafische Gewerbe eingestiegen. Über eine grafische Zusatzausbildung am Kolleg. Grafik- und Kommunikationsdesign. Dann über Druckgrafik und Reproduktion bei einem österreichischen Versandhändler. Das war der Berufseinstieg, vier Jahre lang. Mit 23, 24 herum ist zum ersten Mal dieses diffuse Gefühl hochgestiegen, dass irgendwas nicht stimmt in dieser Form, „wie ich arbeit’“. In dieser Regelmäßigkeit und in diesem Montag-bis-Freitag-Radl. Irgendwie war das für mich noch nicht auszumachen. Ich habe auch relativ gut verdient zu diesem Zeitpunkt für meine Verhältnisse und und… also der Wunsch nach Veränderung war da.

Wusste nicht wo das überhaupt hingehen soll.

Glücklicherweise ist über eine Jugend- und Kellerband ein Durchbruch gelungen. Wir haben diesen „Ö3 Soundcheck“ 2004 gewonnen.

 

Wie hieß die Band?

Shiver. Die gibt es nicht mehr. Das war 2004 bis 2007, die Zeit, wo wir von der Musik gelebt haben. Davor haben wir es über zehn Jahre rein idealistisch betrieben. Wir hatten geprobt und kleine Singles aufgenommen. Das war’s, mit Freunden das Eigene machen, mit Plattenvertrag, Österreich-Tournee und Konzerten.

Das hatte mir den Ausstieg immens erleichtert aus diesem Berufsalltag.

Als es langsam ausgelaufen ist mit der Musik, war für mich klar, dass ich nicht mehr ins normale Büro- oder Berufsleben zurück kann oder will. Ich ging dann weiter in die Selbständigkeit als Grafiker, mit einer kleinen Designagentur in Graz, die ich alleine zwei oder drei Jahre betrieben hatte.

Dann tauchte das Filmische irgendwie auf,  mit „Das Glück der anderen“, wo ich als Kameramann und Schnitt-Operator agierte. Über diesen Umweg hatte ich wieder zum Ursprünglichen gefunden. Weil so mit vier, fünf, sechs Jahren immer dieser Wunsch da war, Kameramann zu werden. Das war verschwunden und mit 25, 26 wieder aufgetaucht über dieses Projekt.

Als der Film abgeschlossen war – das war ein 90-minütiger Langfilm, auch im Kino gelaufen – war dann auch klar, dass ich das noch weiter fokussieren möchte. Weiter weg von der Grafik und hin zum bewegten, dynamischen Bild. Und hatte mich dann nur mehr auf Film fokussiert. Bin umgezogen also nach Wien gegangen, indem ich da alles aufgelöst hatte.

 

Ich hatte zuvor noch ein ziemlich waghalsiges Filmprojekt in Russland umgesetzt und dann war ich… materiell… ich hatte nicht mehr viel. Ich bin mit ein paar Schachteln nach Wien und hab’ dort von vorn angefangen und filmisch weiter Praxis gesammelt. Eigentlich bis jetzt, wo der zweite selber produzierte Kinofilm umgesetzt ist. Und ich in Wien eigentlich sehr viel filmisch arbeiten kann im Bereich Kunst und Kultur. Aber alles eigentlich autodidaktisch.

 

Hast Du das Gefühl, dass du alles neu entdecken musst?

 

Es gibt… gewisse Hinweise. So was wie innere Stimmen oder innere Orientierungspunkte, wo ich das Gefühl habe, ich kann denen nicht auskommen. Ich muss diesen Spuren nachgehen. Wie eben auch dieses Russland-Projekt, das vollkommen diffus mich wieder erreicht und vordergründig überhaupt keinen Sinn macht. Aber nur ich, für mich habe ich das Gefühl, ich muss das durchexerzieren, experimentieren. Und so- mittlerweile glaube ich- dass es darum geht, gewisse Erfahrungen ins eigene Leben zu holen und durchzuarbeiten. Wenn die dann abgeschlossen sind, dann ist es wie bei einem kleinen Kind eine gewisse Phase wieder abgeschlossen, und es kann das Nächste kommen. Und so bleibt das Leben- oder  bei meinem Leben versuche ich es so, dynamisch zu halten.

 

Was war der Schlüsselmoment diesen Weg zu gehen?

 

Die Idee ist von jemand anderem gekommen. Wir waren ursprünglich zu dritt bei diesem Projekt, und ich bin als Experte für Fotografie gefragt worden, ob ich das machen will. Ich war sehr angetan gleich von der Idee und davon, das filmisch zu machen. Dann war noch ein sehr persönliches Element dabei, wo ich gewusst habe: ich möchte mich mit diesem Thema genau, mit Glück, auseinandersetzen.

Das war diese Frage: Was ist gesellschaftlich gesehen Glück?

Damals war so ein Zeitpunkt, wo ich geglaubt habe und was mich auch sehr verwirrt hat, dass im Außen überhaupt nur nach diesen materiellen Gütern gesucht wird und Glück nur mehr darin besteht, auf Urlaub zu fahren und ein neues Auto zu haben. Und mich das aber schon sehr lange bedrängt hat, und gestört hat, und ich dementsprechend innerlich auch orientierungslos war, was meine eigenen Werte betroffen hat. Und dieser Film hat mich wieder bestärkt, den eigenen Weg wieder genauer zu gehen und die eigenen Wertevorstellungen direkt ins Leben zu holen. Und hat mich eben genau zu einem Zeitpunkt erwischt, wo ich auch von der eigenen Radikalität her in der Lage war. Wir haben das Projekt dann zu zweit finalisiert, ohne große Förderungen und ohne finanzielle Unterstützung und ohne, dass wir das Know-how gehabt haben. Das trotzdem umzusetzen, weil wir das für richtig befunden haben.

Das war „Das Glück der anderen“. Also auch dieser Einstieg der Form der Dynamik und Umsetzung, wo man sich auf einen sehr ungewissen Weg einlässt. Wo überhaupt nicht klar ist, wo der hinführt. Führt das irgendwo hin? Oder wo das Ganze im Gehen, in der Bewegung entsteht. Wo plötzlich Türen sich auftun und Möglichkeiten sich auftun. Das war das erste große Übungsfeld für mich, dieses Filmprojekt. Das über eineinhalb Jahre so zu gestalten und auch so fließen zu lassen. Da waren wirklich Momente dieses Flow-Erlebnisses drinnen; wo es angefangen hat, nicht mehr gegen die eigenen Widerstände permanent zu arbeiten, sondern die Dinge umzusetzen, die sich richtig anfühlen und sich leiten zu lassen.

 

D.h., dass du immer relativ nah an dir selber warst? Diese innere Stimme hast du- war schon immer da? Du musstest nicht meditieren gehen oder Ausbildungen machen?

Ich habe schon angefangen, über solche spirituellen und geistigen Zugänge nachzudenken. Ich habe ab zwanzig begonnen, mich für Zen-Buddhismus, für die Philosophie zu interessieren. Und über diese Zugänge ist, glaube ich, wieder etwas freigelegt worden. Und gewisse Durchblicke waren wieder möglich. Und ich war wieder in der Lage, gewisse Stimmen zu hören, innere. Aber ich habe null Erfahrung auf dem Gebiet gehabt. Ich war überhaupt nicht vorbereitet, was da auf mich zukommen kann, wenn ich mich auf so einen Weg einlasse.

Und zum Beispiel dieses Russland-Projekt, dieses russische Stahlwerk zu proträtieren, das war überhaupt der reinste Versuch, so einer Idee, die kommerziell überhaupt keinen Sinn macht; nur diesem Impuls nachzugehen, dass da irgendetwas ist, was auf mich wartet und was ich jetzt in dieser Phase meines Lebens umzusetzen habe. Und dann einmal alle Konventionen beiseite lassen und das eigene Auto verkaufen und dieses Projekt umsetzen.

Eben, das ist vielleicht sogar mit Archäologie vergleichbar: weil es Schichten der Persönlichkeit freilegt. Und einmal am Anfang auch viel Müll wegräumt und schön langsam kommt man dann in Schichten, die vielleicht einem selber unbekannt waren, und von dort geht es dann weiter.

 

Wie stehst Du zu dem Thema „Mindestgrundeinkommen“?

Wir brauchen kein bedingungsloses Grundeinkommen, wir brauchen ein bedingungsloses “Zu uns selbst stehen dürfen” und zwar in jedem Moment, nicht nur am Wochenende oder im Urlaub (dort ist meist nur noch Erholung oder Erschöpfung möglich, aber keine schöpferische Energie). Meine Skepsis gegenüber dem Grundeinkommen bezieht sich darauf, dass es dafür erst wieder einer übergeordneten Verwaltung bedarf, die dann sozusagen gnadenhalber das Geld an alle verteilt – was uns wiederum in eine neue Art von Abhängigkeit bringt und am Platz der Angst und geistigen Unbeweglichkeit festhält.

 

Wahre Freiheit und Unabhängigkeit wird auf diesem Weg schwer zu erreichen sein. Je mehr wir in der Eigenverantwortung und der wechselseitigen Verantwortung im Rahmen unseres Umfeldes leben könnten, umso mehr Raum wird wieder entstehen können für Kreativität, Mitgefühl und den Willen selber etwas (mitzu)gestalten.

Schaut man sich die aktuellen politischen (Wahn)Zustände an, wo nicht vorhandene Milliarden in die Schlunde geldgieriger Institutionen gesteckt werden, ist es ohnehin absurd, von einem Grundeinkommen zu reden (wie weit sind wir davon entfernt).

 

Es würde darum gehen, das zur Verfügung stehende Geld sinnvoll einzusetzen, mutige Ideen und inspirierende Projekte zu unterstützen, anstatt alles Geld in das ohnehin schon völlig ausgelaugte und leergeblutete Getriebe “Wirtschaftswachstum” zu stecken. Auf einem verödeten, unfruchtbaren Boden wird keine Blume mehr wachsen, da kann man noch soviel Dünger draufschütten. Aber bei den kleinen, zarten Blüten die sich noch unsicher nach der Sonne strecken, dort ist wahre Sinnlichkeit, Schönheit und Menschlichkeit zu erwarten und dort sollten wir uns engagieren und wahres Wachstum fördern (und dafür braucht es vielleicht ein wenig Geld aber  vor allem Mut und Vertrauen, was soviel ist wie das Gegenteil unserer bestehenden Ordnung: viel Geld, Angst, Misstrauen und Zweifel). Beginnen können wir nur bei uns selbst – unseren eigenen Perspektiven, Motivationen, verdrängten Ängsten, Wünschen, Potentialen…Und dieser Anfang ist immer jetzt.

 

 

 

 

 

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