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Menschenlandschaften

Im Krankenhaus gibt es keine „perfekt“ genormten Menschen. Das kann etwas Gesundes haben.

Mira arbeitet als biomedizinische Analytikerin in einer neurologischen Klinik. Ihre Abteilung ist auf Epilepsie spezialisiert: Es gibt eine Ambulanz und die „Monitoring Unit“. Der ganz normale Alltag: Köpfe vermessen, Elektroden setzen. Telefon. Terminvergabe für die Ambulanz. Jede/r braucht dringend.

Von Christine Schatz und Mira

Terminvergaben für Folgeuntersuchungen. Aktuelle EEGs auswerten. Telefon. Sorge, Angst, wenn nach längerer Zeit wieder Anfälle auftreten. Anfälle. Patientenversorgung. Dokumentation. Telefon. Anrufe bei PatientInnen: wie geht es nach der OP?
Wir trafen uns für das folgende Gespräch in einem Kaffeehaus nach der Arbeit.

Was magst Du an Deiner Arbeit?

Ich mag die Umgebung im Krankenhaus. Nicht das Gelände und Gebäude. Ich finde es gesund, in einer solchen Menschvielfalt zu arbeiten, im Gegensatz zu Arbeitsblasen, in denen gefiltert nur „Ähnliche“, „Passende“, Gleichaltrige tätig und sichtbar sind. An meinem Arbeitsplatz hingegen, in der Mensa, auf den Gängen: Angestellte mit Eigenheiten, von TransporteurInnen bis zu OberärztInnen. Sehr viel Nicht-Norm im Körperlichen. Ich mag den direkten Kontakt zu den PatientInnen und ihren Angehörigen. Was ich nicht mag, ist das kafkaeske Moment von Supervision – Observation? – das sich durch die Art der Untersuchung zwangsläufig einstellt: Bildschirme mit Ton, vor denen ich viel Zeit verbringe. Immer das Surren der Geräte. Die PatientInnen liegen unter Dauerbeobachtung, für fünf Tage 24 Stunden überwacht zum Aufzeichnen eventueller Anfälle. Ich werde „mit beobachtet“, sobald ich eins der Zimmer betrete. Über den Monitor kann man ihn/sie und mich sehen und die Gespräche mithören.

Was macht das mit dir, mit dem Patienten?

Im Guten betrachtet, lässt es einen die Grenzen wahren. Gerade wenn es um Informationen geht, die ich nicht berechtigt bin, weiterzugeben. Wenn die Patientinnen Vertrauen zu mir gefasst haben, ein Gespräch suchen – aus Langeweile, aus Sorge, mit Fragen zu Medikamenten oder einer eventuellen Operation – darf ich ihnen natürlich keine „ärztliche“ Auskunft geben. Die Verlockung besteht jedoch, gerade wenn die Ärztinnen (sehr engagiert und sehr mit Tätigkeiten beladen) wenig oder keine Zeit haben, sich ihnen ausreichend zu widmen. „Ausreichend“ ist aber in dem Zusammenhang ein schwieriger Begriff, da wiederum oft der Eindruck besteht, dass von Patientinnenseite betrachtet gar nichts ausreichen kann, was hier angeboten wird. Die Woche über steigen Anspannung, Ungeduld, Langeweile, Ärger. Die PatientInnen liegen ja, wie gesagt, nur im Bett und müssen immer läuten, wenn sie etwas brauchen. Meist werden für die Untersuchung die antiepileptischen Medikamente abgesetzt: das Ziel ist, Anfälle aufzuzeichnen und ihre Qualität genau zu beschreiben. Spätestens Donnerstag wird geschimpft, Kamera und Mikrofon sind vergessen, oder eben nicht. Durch die Kontrolle wird beschnitten, zugleich ist sie Schutz.

Was macht Stress?

Anstrengend ist, dass hier live und telefonisch von Patientinnenseite viele Fragestellungen eintreffen, die medizinischer, sozialer oder psychischer Natur sind, wir die entsprechende Auskunft aber nicht geben können: im Team gibt es weder PsychotherapeutIn noch SozialarbeiterIn. Da geht es um Pensionsanspruch, Probleme am Arbeitsmarkt, Kinderwunsch, Depressionen, Gedächtnisprobleme und vieles mehr. Es besteht bei PatientInnen, die schon hier waren oder zu ihren Kontrollterminen in die Ambulanz kommen, eine niedrigere Hemmschwelle dieser Einrichtung gegenüber, während sie zB. psychotherapeutische Hilfe oft nicht annehmen wollen. Während einer Woche bekommt man viel mit vom jeweiligen familiären System. Manche unserer Patientinnen fühlen sich bedeutender als andere, weil die Abteilung offensichtlich so viel Bedeutung für sie hat: kommen ohne Termin alle paar Wochen, fragen, „wie es so geht“, erzählen von Urlauben, Beziehungsproblemen, dem neuen Gartenhaus. Ein Herr hat sich ein T-Shirt mit einem Bild von ein paar MitarbeiterInnen einer (anderen) Station bedruckt. Für diese Patienten ist das Krankenhaus wie eine zweite Familie.

Und dannn der ganz normale Alltag: Telefon. Anfälle. Patientenversorgung. Dokumentation. Terminvergabe. Telefon. Elektroden setzen. Telefon. Daneben laufen die EEGs, die laufend zu checken sind. Die Ambulanz ist unterbesetzt, es gibt lange Wartezeiten.

Wie kam es, dass du diese Arbeit machst?

Ich konnte mich nach der Matura nicht entscheiden Wie ein Schäferhund. Denen sagt man nach, dass sie Verschiedenstes erlernen können, vielseitig begabt sind, aber ohne hervorstechende Spezialisierung. Es hieß: „Lern‘ Sprachen, da bist du begabt. Du kannst gut argumentieren, – geh‘ in die Politik. Mach‘ doch bitte was Gestalterisches, du hast so viel …“

Zuerst wollte ich Psychiaterin werden. Dann zog mich der Beruf der Apothekerin an, mir gefällt das Hexenhafte mit der Distanz durch Tara, den weißen Kittel, die oft altehrwürdige Einrichtung. Aufgrund einer Erkrankung brach ich das Studium ab und entschied mich, biomedizinische Analytikerin zu werden. Pragmatisch, nicht leidenschaftlich motiviert. Drei Jahre Ausbildung. Von 400 Bewerbungen wurden 60 genommen. Dann in einem Forschungslabor gearbeitet. Zwei Jahre Krebsforschung: Zellkulturen führen, Versuche für wissenschaftliche Publikationen mit durchführen. Das klingt spannend; tatsächlich heißt es vor allem: immer dasselbe machen, sehr einzeln sein. Zellen sind ja eher ruhig. Labororganisation, Ordnung halten. Gekündigt. Dann im Zentrallabor eines sozialmedizinischen Zentrums. Drogenspiegel. Tumormarker. Harnbefunde. Blutkonserven herrichten. Blutbild. Fast alles automatisiert. Vor dem Mikroskop Blutzellen ausgezählt, Hand-Differentialblutbilder gemacht. Nach einem Jahr an diesem Arbeitsplatz fühlte ich mich als eine Erweiterung der Geräte. Für diese Arbeit war keine soziale Kompetenz gefragt, ich musste nur Werte abliefern. Die Geräte: „Analyseroboter“, meterlang. Mit Reagenzien befüllt. Vorne Blut/Liquor/Urin rein, hinten eine lange Liste von Werten raus. Verantwortung ja. Sehr groß. Anerkennung oder positives Feedback? Nein, es fällt nur auf, was falsch ist. Es wird auch nur das rückgemeldet. Auch wenn es bei dieser Arbeit immer um Menschen ging, konnte ich die Aufmerksamkeit dabei nicht konstant halten, wurde unkonzentriert, müde, stumpf. Jetzt, im Kontakt mit Menschen kann ich das, ich bleibe in jeder Hinsicht wach.

Wie sieht es mit der finanziellen Entgeltung Deiner Arbeit aus?

Für alle im öffentlichen Gesundheits- und Sozialbereich bedeutet die Entlohnung in dem Ausmaß wie sie stattfindet meiner Meinung nach Demütigung. Und es ist klar, dass ich Miete, Theater, Essen davon zahlen kann. Und vieles nicht. Gerechte Entlohnung scheint es generell nicht zu geben, das wirkt alles absurd verzerrt. Ich kenne einen Pharmareferenten in leitender Position, er verdient das Dreifache. De facto arbeitet er, wie er sagt, 7-15 Stunden in der Woche. Für ihn ist klar: wo nichts verkauft wird, gibt´s eben kein Geld.

Was wäre der ideale Arbeitsplatz?

Vielleicht gibt es in diesem Bereich keinen idealen Arbeitsplatz. Viele wechseln alle ein bis zwei Jahre. Andere sind zufrieden damit, Laborroboter zu bedienen, weil das eine Tätigkeit ist, die ihnen neben Familie/Kindererziehung nicht viel abverlangt.

Würdest du anders arbeiten wollen, weniger?

Ja. Ich würde nicht 40 Stunden arbeiten. Vollzeit sollte generell auf 28 Stunden reduziert werden.

Und was würdest Du dann mit dem mehr an Zeit machen?

Das was ich jetzt auch mache: Lesen und Schreiben, Theater. Kino. Yoga. Meine Oma besuchen. Freundschaften pflegen. Muße haben, sich durch die Stadt treiben zu lassen., So muss sich das alles ausgehen in den wenigen Stunden nach oder vor der Arbeit; und wenn man allein wohnt auch die Notwendigkeiten im Haushalt, die man sich sonst teilt. Psychohygiene ist wichtig.

 

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