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“Mein Ziel war, viel Geld…

.. beim Arbeiten zu bekommen, um in der Freizeit glücklich sein zu können”, sagt Andreas. Als Jurastudent begann er in einem Autohaus zu arbeiten. Anfangs Teilzeit, dann Vollzeit, und irgendwann 24/7. Mit seinen 29 Jahren lebt er in einem Penthouse, ….. besitzt ein kleines Haus am Land, sowie mehrere exklusive Autos. Mir erzählt er, was ihn nach viereinhalb Jahren dazu bewegt hat, seinen Job als erfolgreicher Verkaufsleiter aufzugeben, und warum er jetzt viel glücklicher ist.
Von Klaudia Bachinger

Hast du eine Berufsausbildung?

Andreas: Nein, ich habe keine abgeschlossene Berufsausbildung. Ich bin irgendwie noch nicht dazu gekommen. Ich habe aber auch nie eine Jobausbildung benötigt.

Wie hast du deinen Job als Autoverkäufer bekommen?

Der Geschäftsführer eines Autohauses hat mich immer wieder gefragt, ob ich nicht für ihn als KFZ-Verkäufer für Einkauf und Verkauf arbeiten will. Er meinte, ich sei genau der Richtige dafür, und nach einem halben Jahr Überredungsarbeit haben wir uns dann auf gewisse Konditionen geeinigt.

Konditionen?

Ja, es war anfangs so ausgemacht, dass ich mein Studium weiterführen kann und mir meine Arbeitszeit frei einteilen kann. Aber natürlich war das dann in der Realität nicht so, weil irgendwie doch verlangt wurde, dass ich am Montag um 8 Uhr anfange zu arbeiten. Und da begannen eigentlich schon die ersten Probleme. Und eine weitere Kondition war, dass ich Provisionsempfänger war.

Und dann?

Naja und dann ist es natürlich so, dass die Arbeit einen einholt. Dass man eigentlich keine Zeit mehr zum Studieren hat, wenn man alle Termine mit Kunden in der Werkstatt wahrnimmt und immer verfügbar sein sollte.

Warst du glücklich?

Naja, ich habe durchaus glückliche Momente erlebt. Erfolgstechnisch, beruflich. Aber im Privatleben hat sich das Glück zurückgezogen. Weil man quasi von früh bis spät abends angerufen wurde und somit immer arbeiten konnte. Natürlich hätte ich das auch Telefon weglegen können…

Auf das Privatleben hat sich das insofern ausgewirkt, als dass man dann nie hundertprozentig abschalten kann, immer erreichbar sein muss und Stress zu einem Dauerzustand wird. Nach einem Jahr hat sich mein Gemütszustand dann gewendet: In der Arbeit erfolgreich, zuhause unglücklich.

Und dann hast du deinen Job als Verkaufsleiter aufgegeben?

Ja, die psychische Belastung, die ewige Flexibilität und Erreichbarkeit haben mir schlußendlich den letzten Nerv geraubt, und ich wusste, dass ich das nicht mehr will. Ich wollte nicht mehr ständig für jeden da sein müssen, immer mit dem Druck im Hinterkopf, es geht um viel Geld.

Was machst du jetzt?

Jetzt arbeite ich in der Küche im Gasthaus Wagner. Bei meinem Vater, mit meinem Bruder. Wir sind zu dritt in der Küche und ich bin hauptsächlich für die Süßspeisen zuständig. Und da mache ich natürlich ganz andere Dinge als damals als Verkaufsleiter im Autohaus. Ich muss mich z.B. auch um das Abwaschen kümmern, oder um Lebensmittelbesorgungen und generell alle möglichen Arbeiten, die in einem Gasthaus so anfallen. Aber nicht nur die Arbeit selbst ist ganz anders, auch das Arbeitsumfeld. Es ist ja gewissermaßen ein Familienbetrieb, ein Betrieb, mit dem ich aufgewachsen bin. Und das ist natürlich ganz anders als für einen fremden Betrieb zu arbeiten, weil man sich hier mehr verantwortlich fühlt und versucht, für sein eigenes Haus erfolgreich zu sein.

Identität und Job. Wie siehst du das?

Das ist eigentlich der Hauptpunkt. Die Identifikation mit einem Job muss für mich moralisch vertretbar sein. Wenn ich mich als Autoverkäufer identifiziere, muss das für mich moralisch vetretbar sein. Und die Praxis hat mir gezeigt, dass das für mich nicht passt. Dabei geht es mir gar nicht so um diese klassischen Klischees – Autoverkäufer sind alle Kriminelle oder so. Mir geht es um den Verkaufsjob an sich und die Gewinnoptimierung, die das Management von einem erwartet. Ich habe mich irgendwann fragen müssen: Will ich Leute um den Finger wickeln? Will ich dieses Spiel mit Menschen spielen wollen? Will ich ihnen etwas verkaufen, was sie wahrscheinlich gar nicht brauchen?

Dieses Problem habe ich in der Gastronomie nicht. Ich liebe es zu kochen und freue mich, wenn ich ein positives Feedback bekomme. Das ist jetzt der Maßstab für meinen Erfolg und nicht mehr meine Provision, die ich beim Verkauf bekommen hab’.

Was bedeutet Geld für dich?

Mittlerweile ist Geld ein Mittel, das ich brauche, um meine Rechnungen und Miete zu bezahlen. Es ist für mich ein Tauschmittel geworden und auch durchaus negativ besetzt. Ich weiß Gott sei Dank jetzt, dass mein Glück nicht von irgendeiner Geldmenge abhängt, auch wenn es überall propagiert wird. Miete, Versicherungen und Lebensmittel – dann ist für mich das Thema Geld eigentlich erledigt. Darüberhinaus ist Geld soviel wert, wie verfügbar ist.

Wir sitzen hier aber in einer Penthouse-Wohnung, dort steht ein Golfbag, in der Garage stehen mehrere Autos – wie erhältst du dir diese Dinge?

Ich habe meinen Ausstieg aus der Autobranche von meinem Ersparten abhängig gemacht. Ich wollte eben vernünftig sein und habe mir überlegt, wie lange kann ich überleben ohne zu arbeiten, ohne Geld zu verdienen. Das habe ich mir gut überlegt. Und wie du sagst, ich habe eine Wohnung und ein Haus in Miete und ein paar Autos, die gewartet und getankt werden müssen.

Mein Lebensstandard ist relativ hoch, den ich jetzt aber zu reduzieren versuche. Nicht allerdings, weil ich es mir nicht leisten kann, sondern, weil ich bemerkt habe, dass ich nicht fünf Autos brauche.  Mittlerweile lache ich über mich selbst und genieße es, dass ich mich von den ganzen Dingen befreien kann, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben und die ich in meinem Wahn gekauft habe. Als ich eben soviel gearbeitet habe, habe ich mich natürlich am Wochenende dafür belohnt und mir etwas Cooles gekauft. Und jetzt kommt mir das alles so lächerlich vor und ich reduziere meinen Besitz, weil ich das alles eigentlich gar nicht mehr sehen möchte.

Inwiefern wirkt sich Geld auf dein Glück aus?

Ich habe jetzt einen durchschnittlichen Kollektivvertragslohn als Hilfsarbeiter in der Küche, der meine Grundbedürfnisse abdeckt. Ich habe gute vier Jahre Geld angehäuft und einen hohen Preis dafür bezahlt, weil mein Privatleben dementsprechend darunter gelitten hat. Und jetzt habe ich diesen Polster, der es mir ermöglicht, etwas zu arbeiten, was mir Spaß macht.

Als mich mein Vater gefragt hat, ob ich in der Küche arbeiten will, habe ich einfach ja gesagt, ohne zu fragen, wie viel ich bekommen werde. Und jetzt freue ich mich jeden Tag auf die Arbeit, habe jeden Tag neue Ideen, kann kreativ sein und ich weiß, der Lohn deckt meine Grundbedürfnisse ab. Und das Glücklichsein in meiner Freizeit hängt nicht von meinen Ressourcen ab. Früher habe ich das schon geglaubt, ich dachte mir, ich bin nur dann glücklich, wenn ich viele finanzielle Mittel zu Verfügung habe. Und wenn ich im Urlaub bin, dann muss mein Konto voll sein, um Spaß zu haben. Mein Ziel war, viel Geld beim Arbeiten zu bekommen, um in der Freizeit glücklich sein zu können.

Denkst du das du dich in deinem jetzigen Job entfalten kannst?

Ja das würde ich schon sagen. Natürlich ist in der Küche viel Raum für Kreativität. Und das ist momentan genau das, was ich an diesem Job schätze. Ich kann Änderungen jeglicher Art an meinem Werkstück vornehmen und meiner Fantasie freien Lauf lassen. Egal, ob ich nun Chili, Ingwer oder einen Schuss Wein hinzufüge – es ist meine Entscheidung und das Produkt unterliegt meiner Kreativität. Mein Motivator ist das Zufriedenstellen der Gäste. Was kann ich mir gewissermaßen einfallen lassen, dass ich soviel Menschen wie möglich glücklich machen kann.

Außerdem lernt man beim Kochen wieder, dass man sich Zeit nehmen muss. Zum Beispiel muss man manchmal einfach mal warten, damit das Produkt gut oder fertig wird. Im Verkauf, wenn du abwartest, passiert nichts. Solange keine zehntausend Euro am Tresen liegen, ist nichts passiert. In der Küche, passiert viel indem du einfach abwartest. Es passieren chemische Prozesse, man muss Dinge auskühlen lassen, um sie anschließend weiterzuverarbeiten, etc. Während dieser Zeit habe ich meisten eine kreative Phase und denke über weiter Möglichkeiten der Verarbeitung oder Dekoration nach oder so….

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit deinem Bruder und deinem Vater?

Sehr gut eigentlich. Man kennt sich halt. Wir ziehen an einem Strang und am Ende des Tages gehen wir alle zufrieden hinaus. In der Küche geht es zwar oft ‘hitzig’ zu – es dampft, es hat 50 Grad, man steht zu dritt auf engem Raum und soll die Gäste so schnell wie möglich zufrieden stellen. Da ist es wirklich wichtig, dass man sich versteht und man nicht immer Höflichkeitsfloskeln einsetzt. Aber wenn am Ende des Tages alle danke sagen, dann passt das.

Ist man dann auch stolz auf die getane Arbeit?

Ja klar. Es ist schon so, dass wir nach einem Arbeitstag an dem wir siebzig Speisen erfolgreich rausgebracht haben, uns am Abend im Hof zusammenstellen, uns auf die Schulter klopfen und kurz quatschen. Das ist nicht alltäglich, dass man sich so gut versteht, und es gibt viele Familien, die daran zerbrechen. Und weil mein Vater älter geworden ist und bald in den Ruhestand möchte, schätzt er es umso mehr, dass wir das Gasthaus übernehmen wollen.

Du siehst deine Zukunft in der Gastronomie?

Ich kann mir gut vorstellen, dass ich das Gasthaus mit meinem Bruder übernehmen werde. Ich wäre dann für das Management zuständig und mein Bruder würde die Küche leiten.

Aber wenn die Zeit bleibt, wäre es mein Traum, ein kleines Autohaus mit Oldtimer zu haben, einen kleinen Fahrzeughandel mit exotischen Autos. Allerdings würde ich das dann nicht mehr als Business betrachten, sondern als Liebhaberei. Ich werde mich dann natürlich wieder mit dem Kaufmännischen auseinandersetzen müssen, um meine eigene Firma zu gründen. Aber der Umgang mit Geld, das Handeln, der An- und Verkauf waren ja im Prinzip auch nie das Problem. Sondern der Stress, diese “Zuviel-Arbeit” und das “dem Geld hinterherrennen”.

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