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Die Leute hier haben Angst vor Freundschaft. Warum? Du brauchst keine Angst haben!

Melikes mutige Reise in ein nicht so “freundfreundliches” Mitteleuropa ist bestechend in ihrer Bestimmtheit.

Melike, Vienna

von William Franck

 

Ich habe viele Geschichten über Arbeit.

Zum Beispiel… Meine Kollegen lachen über mein Deutsch, weil manchmal sage ich die Wörter falsch: „Deine Haare sind sehr schön, was hast du gemacht?“ – „Ich habe meine Haare geglättiert.“

Oder: Ich war ganz frisch bei der Arbeit und wollte Gäste nach dem Essen fragen, ob sie etwas trinken möchten. Sie haben geantwortet: Einen kleinen Schwarzen. Ich habe gesagt, einen kleinen Schwanz. Sie haben gelacht und gesagt, ja für mich bitte groß. Ich wurde ganz rot, es war sehr peinlich. „Schwarz/Schwanz“ verwechsle ich immer, deswegen sage ich „Espresso“.

Ich verstehe falsch, ich höre falsch. Aber es ist lustig, es ist ein Teil von meiner Arbeit.

Die Leute schauen mich an, als ob ich dumm wäre, aber ich kann nicht gut Deutsch. Wenn jemand nicht gut Türkisch kann, kann ich das gerne beibringen. Aber die Leute halten immer Distanz und sie wollen [mir] nichts beibringen. Wenn jemand mein Deutsch verbessert oder meckert „Sag nicht so! So ist es richtig“, freue ich mich. Das Wort Toleranz gefällt mir nicht so gut. Wir sind alle Menschen und wir brauchen einander. Natürlich bin ich nicht hier geboren, aber sie können versuchen, mich zu verstehen.

Wir Ausländer schießen uns selbst ins Aus, wenn wir sagen: Österreicher mögen uns nicht.  Aber: Mögen wir uns selber? Versuchen wir, Deutsch zu lernen?

 

Es ist falsch, dass Europäer Ausländer nicht mögen. Ja, sie haben eine Distanz. Aber das ist normal. Vielleicht haben sie Angst; mir ist aufgefallen: Die Leute hier haben Angst vor Freundschaft. Warum? Du brauchst keine Angst haben. Ich verlange von Dir kein Geld. In der Türkei ist es ganz anders. Freundschaft bedeutet sehr Vieles. Ich habe sehr viele österreichische Freunde, aber wenn ich etwas bräuchte, würde ich nicht anrufen. Türkische Freunde aber würde ich anrufen, weil ich weiß, dass sie oder er mir gerne hilft. Die Österreicher haben wenige Freunde. Ich frage und sie sagen: Ich hab’ ein, zwei. Ich sage: Was? Du bist doch hier geboren!

 

Freunde haben bedeutet, wenn jemand stirbt, kommt ein Freund zu dir und tröstet dich. Ich weiß, ich habe Angst vor dem Tod. Aber wenn etwas Schlimmes passiert, dann kommt ein Freund zu mir und er oder sie kann mich trösten. Sie kann neben mir stehen. Karriere ist auch sehr wichtig, Geld ist auch sehr wichtig. Aber wenn du keine Freunde hast, dann hast du nix!

 

Nachdem ich nach Österreich gekommen war, fühlte ich mich frei, aber ich habe viele Probleme hier gehabt. Ich musste viele Probleme bewältigen. Finanzielle, Sprache, Studium, Freunde… alles. Aber jetzt fühle ich mich besser; jetzt fühle ich mich wirklich frei. Also jetzt kann ich alles machen. Wenigstens: Ich finanziere mich selber, und das genügt für mich. Und Sprache – ja, es genügt, um mit jemandem zu sprechen, sich zu verstehen.

 

Es ist mir inzwischen egal, ob ich Freunde hier habe… Damals als ich nach Österreich gekommen bin, habe ich gedacht: Warum habe ich keine engen Freunde wie in der Türkei? Aber jetzt sage ich: Ich brauche niemanden. Es genügt, wenn ich mich gut fühle, und allein zu sein, genügt. Weil wir sind alle allein. Eigentlich.

 

Um alleine gut zu leben… mache ich Fotos, schaue Filme, lese Bücher. Ich arbeite vier oder fünf Tage im Restaurant, deswegen bin ich sehr viel mit Leuten zusammen. Wenn ich frei habe, also wenn ich nicht arbeite dann… bin ich gerne allein. Das gefällt mir so.

 

Ok, ich habe hier genug türkische Freunde, deswegen denke ich nicht mehr so an meine Freunde in der Türkei.

 

Hast du irgendwann Angst gehabt, dass du es hier nicht schaffst?

Ja. Mein Problem war immer ein finanzielles. Letztes Jahr musste ich plötzlich diese Arbeit aufhören wegen Arbeitsbewilligung. Und dann… drei Wochen war ich arbeitslos und wusste nicht, ob ich diese Arbeit wieder aufnehmen kann. Ich war plötzlich arbeitslos und musste warten. In Österreich diese Probleme zu bewältigen ist sehr schwer. Weil du bist Ausländer und kannst dein Problem nicht gut erklären. „Entschuldigung, es ist so passiert – ja, sie hören nicht zu“. Aber Gott sei Dank, es hat doch geklappt. Ich habe wieder angefangen.

Aber die Zeit ohne Arbeitsbewilligung, da hatte ich große Angst.

 

Was hat deine Mutter gesagt, als du gegangen bist?

„Geh, wenn du glücklich wirst, wenn du studieren willst, dann geh. Ich vertraue dir, aber ich gebe kein Geld.“ (lacht) Aber das ist normal.

 

Hast du in der Türkei auch gearbeitet?

 

Ja, immer, seit ich zehn Jahre alt war, arbeite ich immer. In Antalya: im Hotel, in der Gastronomie.

 

Warum wolltest du Schauspielerin werden?

 

Keine Ahnung, es war mein großer Traum. Seit meiner Kindheit wollte ich immer Schauspieler werden. Also, ich war elf Jahre alt und unser Lehrer hat gesagt, wir machen eine Theatergruppe und wer will mitmachen. Ich hatte das Gefühl, als ob ich in einem Gefängnis war bis jetzt und jetzt werde ich frei. Das ist ein bisschen komisch, aber ich habe gesagt, das ist mein Traum, das will ich machen. Ich habe immer Theater gemacht und dann habe ich die Schauspiel-Aufnahmeprüfung gemacht, aber wegen Stress konnte ich sie nicht schaffen. Bis zur letzten Phase bin ich gekommen, und dann wegen Stress irgendwie… ich war sehr aufgeregt deswegen. Ich habe es nicht geschafft, einfach. Irgendwann habe ich angefangen, an einem Tag fünf Filme anzuschauen. Weil ich gemerkt habe, dass ich vielleicht hinter der Kamera sein möchte.

Dann… habe ich mir gesagt, Schauspiel und Regie, das kann ich beides erfüllen. Deswegen studiere ich hier Theater-, Film- und Medienwissenschaften, aber nebenbei mache ich Thetaer… Migrationstheater. Es war ein bisschen Laientheater, das hat mir nicht gut gefallen. Aber morgen habe ich einen Termin mit einer Türkin, sie ist eine sehr gute Schauspielerin hier, und wir schauen einmal, ob es ein neues Projekt gibt. Letztes Jahr habe ich auch als Regieassistentin gearbeitet bei der Garage X. Aber vielleicht kann ich jetzt als Schauspielerin auf der Bühne stehen. So.

 

Hast du darüber nachgedacht wie du als Kind dieses Befreiungsgefühl durch das Theaterspielen hattest – das heißt auch, dass du dich zuvor eingesperrt fühltest. Was war das?

 

Ja, vielleicht dass niemand mich versteht. Ich habe meinen Vater nicht gesehen; meine Eltern sind geschieden seit ich ein oder zwei Jahre alt war. Ich habe meinen Vater nie gesehen. Meine Mutter hat immer gearbeitet, sie hat sich nicht um mich gekümmert, sie hat nicht gekocht und so. Also sie konnte nicht gut kochen, deswegen hat sie nur einen Salat oder irgendetwas gemacht. Um meine Hausübung, meine Haare oder meine Kleidung hat sie sich nicht gekümmert. Sie hat keine Zeit gehabt. Deswegen war ich immer allein.

Das ist sehr wichtig, was du gesagt hast. Warum habe ich mich immer eingesperrt gefühlt? Keine Ahnung. Vielleicht will ich durch das Theater meine Gefühle erzählen. Weil auf der Bühne bin ich nicht ich selber. Dieses Gefühl war super. Ich bin nicht Melike, sondern jemand anderer, und ich kann jetzt alles sagen. Ich kann meine Gefühle ausdrücken. Ich glaube, dass ich Theater deswegen gut gefunden habe. Ich habe irgendetwas vollendet. Etwas fehlt… und durch das Theater war es okay.

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