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Ich mache mich zu meinem eigenen Werkzeug

Jasmine lebt mit Roman und deren gemeinsamer kleiner Tochter in Graz. In diesem ersten Teil des Gesprächs mit den beiden erzählt Jasmine über sich selbst; warum es sie glücklich macht, in Erdlöchern zu sitzen, warum der Fälscher ihr Mentor ist und wohin sie holotropes Atmen führt.

von William Franck

Jasmine: Meine Schulausbildung hatte als Schwerpunkt: Film, Malerei und Fotografie. Dann habe ich Kunstgeschichte, klassische Archäologie und Frühgeschichte studiert – alles kreuz und quer. Das habe ich auch abgeschlossen, irgendwann, mit über dreißig.

Ich habe fünfzehn Jahre lang als Archäologin gearbeitet, als Grabungsarchäologin. Und währenddessen im Kunsthistorischen Museum bei dem Fälscher gearbeitet. Georg Franzke ist der offizielle Fälscher des Kunsthistorischen Museums. Er wurde für mich ein Mentor. Durch ihn habe ich wieder mit der künstlerischen Arbeit angefangen. Und jetzt bin ich eine Kreuzung aus allem, was ich jemals gelernt habe. Film ist auch wieder dazu gekommen.

Zur Archäologie kam ich wie die Jungfrau zum Kind! Da war ich in einem Wahlfach für Kunstgeschichte, wo Grabung angeboten wurde. Ich bin dort glücklich in einem Erdloch gesessen und hab’ mir gedacht: Ja, genau das ist es! Das macht mir Freude, ich mache Archäologie!

Eigentlich hatte ich nur aus dem Bauch heraus entschieden, warum ich das machen wollte. Irgendwann habe ich mich gefragt: Warum macht es mir solchen Spaß, in einem Erdloch zu sitzen? Es war dieses Suchen nach Gründen, warum Menschen so handeln, wie sie handeln.

Und die Archäologie hält alles so wunderbar auf Distanz… Die Menschen leben halt nicht mehr. Alle Klienten sind tot, man kann sie untersuchen. Man kann sie studieren, ohne dass es einen persönlich betrifft.

Irgendwann kam bei mir das Interesse für Psychologie daher. Und damit auch ein Interesse an lebenden Menschen. Und damit hat sich dieses Interesse an der Archäologie aufgelöst. Oder abgelöst. Außerdem war der künstlerische Anteil von mir einfach viel zu präsent. Und der wollte einfach irgendwann mal raus, und das ist jetzt auch total stimmig. Obwohl es ein Chaos ist, in dem ich jetzt lebe.

Vor drei Jahren ist der Film wieder in mein Leben zurückgekommen. Ich hatte den Wunsch: Ich möchte gern wieder einen Film drehen. Das war ein diffuses Gefühl. Ich habe zufällig einen Anruf gekriegt – das ist oft so in meinem Leben: es gibt einen inneren Wunsch und dann kommt von außen was daher, das darauf passt. Und da bin ich der Typ, der sagt: Ja, wunderbar, ich nehme das Angebot an.

Und frage dann meistens nicht lange, rentiert es sich, bringt es etwas, wo gehe ich da beruflich hin. Das weiß ich nie. Sondern, wenn das Gefühl passt, dann mache ich es auch.

Das erste Filmprojekt war noch nicht ganz womit ich mich wohlgefühlt habe. Und danach habe ich Roman kennengelernt.

Welche Funktion hattest du in diesem ersten Film?

Bei dem ersten Film war ich host. Ich habe auch die Interviews geführt, aber vor allem habe in der Rahmenhandlung eine Archäologin gespielt. Da war ich aber nicht in den Schnitt involviert. Und man weiß ja, wieviel beim Film im Schnitt an Aussage entsteht, also habe ich wenig Bezug zu diesem Film.

Beim Film „Unendlich jetzt“ mit Roman war das etwas ganz anderes. Das war ein Arbeiten mit dem Moment, ein Arbeiten mit Zeitqualitäten. Ein Arbeiten mit Gespür. Wann passt was? Wann passt was nicht? Es hat oft Zeiten gegeben, wo nix passiert ist. Wo nichts gegangen ist. Und sich darauf voll einzulassen,  das ist bei der Malerei möglich, das ist beim Film möglich, wenn man jetzt nicht unbedingt einem Geldgeber oder einem Produzenten verpflichtet ist, dass man zu einem gewissen Zeitpunkt etwas abzuliefern hat, was deren Vorstellungen entspricht.

Es ist ein sehr selbstbestimmtes Arbeiten. Das war, was mich so angezogen hat, an dieser Veränderung: dass man wirklich selbstbestimmt sein kann in vielen Teilen des Lebens.

Zum Beispiel bei dem Fälscher habe ich gelernt, was es für die Arbeit bringt, wenn man sich nicht vornimmt, was man jetzt tun möchte. Sondern nur mit einer ganz groben Vorstellung hingeht. „Ja, ich würde jetzt gern vielleicht etwas Künstlerisches machen“. Vielleicht sogar irgendein bestimmtes Projekt. Und der hat dann meist meine Vorstellungen gebrochen und gesagt, ja, dafür hat er jetzt keine Zeit. „Wir machen jetzt was anderes!“ Und am Anfang waren unglaubliche Widerstände da. Ich will das jetzt aber lernen! Ich will aber genau das jetzt machen! Dafür ist er mir aber nie zur Verfügung gestanden. Irgendwann habe ich einmal kapiert: Schau’ mal, was da ist. Was bietet dir jetzt diese Situation an? Und im Annehmen von dem habe ich gemerkt, ich lerne viel mehr. Ich lerne viel schneller. Ich lerne nicht das, was ich mir erwartet habe, aber es geht unheimlich schnell in einer unglaublichen Intensität und ist im Endeffekt genau das, was ich eigentlich lernen wollte. Aber wenn der Kopf nicht vorgeschaltet ist, dann nimmt es ganz andere Wege. Das hat mir dieser Fälscher beigebracht.

Hast du ein Beispiel oder eine Erinnerung, die das gut schildert?

Ja, die Zeitqualität. Ich wollte einmal Abgüsse machen von kleinen Venus-Statuetten und war dazu in einer Werkstatt. Da hängt auch draußen eine Hängematte, mitten im Wald. Ich bin hingegangen, habe angefangen zu arbeiten und gespürt, nein, es passt’s nicht. Ich habe mich in die Hängematte gelegt, einen Kaffee getrunken und auf einmal kam dieser Impuls: Jetzt! Häferl abgestellt, raus aus der Hängematte. Angefangen zu arbeiten. Da vergisst man auch die Zeit, bis wieder der Punkt kommt: Okay, irgendwo sperrt sich was. Irgendetwas nervt. Irgendwas stimmt nicht mehr. Dann habe ich mich wieder in die Hängematte gelegt. Und so habe ich den ganzen Tag gearbeitet und habe an diesem Tag ein Pensum geschafft, für das man zwei Wochen braucht, wenn man das durchplanen würde.

Wenn ich mich aber einfach auf meinen inneren Impuls verlasse, dann fließt alles ineinander. Man wird selbst mehr oder weniger zum Werkzeug. Es geht so eine Kraft durch, die trägt einen mit und man wird mehr oder weniger zum Diener dieser Kraft. Und damit werden Dinge möglich, die hätte man zuvor nicht für möglich gehalten.

Und diese spirituelle Kraft hast du selber entdeckt? Hast du irgendwelche Seminare besucht in der Vergangenheit, die das ermöglicht haben, das so wahrzunehmen? Oder bist du intuitiv dazu gekommen, auch über diesen Fälscher?

Der Fälscher war die Tür, die dorthin geführt hat. Das ist ein Mensch, der wirklich im Jetzt lebt. Auch dementsprechend schwierig, mit ihm umzugehen! (schmunzelt)

Aber grundsätzlich hatte ich das von Kindheit an. War auch dementsprechend schwierig, weil es in unserer Gesellschaft nicht akzeptiert ist. Aberzogen auch. Von allem rundherum, was einen so sozialisiert, verdrängt. Als Archäologin habe ich auch so gearbeitet, war extrem straight und hart zu mir selber. Eine richtige Sklaventreiberin.

Bis ich irgendwann gemerkt habe: Wenn ich mich darauf einlasse, was ich spüre an einem Ort, dann weiß ich, was mich da jetzt erwartet. Wo eine Störung ist; wo Befunde drinnen sind, wo nichts drinnen ist. Das kann man wirklich- da wird man zu einem richtigen Sensor. Da war der Umbruch. Das war genau die Zeit, wo ich diesen Fälscher kennengelernt hab’. Und in dieser Zeit habe ich wieder angefangen, was ich als Kind schon gemacht habe: Ich habe als Kind hyperventiliert und habe dann- wie soll man das sagen? Ich habe einfach andere Wahrnehmungen gehabt, als man sie normalerweise hat. Man würde sagen, ein Kind hat zuviel Fantasie, als hätte man Fieber. Diesen Zugang im Erwachsenenalter wieder aufzumachen und als Informationsquelle zu sehen, das war, glaube ich, der Schlüssel für mich, dass ich das leben kann. Und jetzt zusehends versuche, das in den Alltag zu integrieren.

Das ist aber ein langer Weg. Das heißt, immer in Bewegung und immer im Wandel sein.

Roman: Jetzt hast du es über dieses holotrope Atmen wieder.

Jasmine: Ja, genau. Ich habe lange Zeit gedacht, dass ich irgendwie nicht normal war, weil ich immer diese Hyperventilations-Geschichte gehabt habe als Kind, die behandelt wurde vom Neurologen. Dann, mit über dreißig, hat mich ein Arzt darauf aufmerksam gemacht, dass es das holotrope Atmen gibt und dass es eine Therapieform ist. Dass es eine Möglichkeit ist, mit anderen Bewusstseinsebenen irgendwie mit sich selber zu kommunizieren. Oder auch diese- wir nennen das das Konzept der inneren Weisheit oder das Konzept der inneren Stimme. Diesen Zugang zu öffnen und auch diese Sprache zu verstehen, die dieses Innere spricht. Weil es eine andere Sprache ist als jene, die wir gewohnt sind. Es ist eine archetypische Sprache. Sie sagt halt manchmal Dinge, die man eigentlich nicht hören will!

Welchen Stellenwert haben deine gemalten Bilder…? Welchen Platz nehmen die ein bei dir, die sind ja hier nicht zu übersehen und wunderschön! 

Welchen Stellenwert die einnehmen? Ich habe es jetzt gemerkt in dem Jahr, als ich schwanger war und als meine Tochter ganz klein war und ich kaum dazugekommen bin, zu malen. Ich glaube, ich kann ohne Bilder nicht leben. Ich habe das so lange weggestrichen aus meinem Leben und jetzt merke ich einfach, wenn ich längere Zeit nicht male, nicht zeichne- ich komme ja genau über das Malen in diese Stimmung, die das holotrope auch Atmen geben würde. Das ist einfach dieser Kontakt zu mir selber, und den möchte ich nicht mehr verlieren. Dementsprechend wichtig sind die Bilder.

Wie machst du es finanziell? Kannst du von dieser Arbeit leben?

Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir sagen: Können wir von der Arbeit finanziell existieren? Das mit dem Leben müssen wir irgendwie anders definieren!

Also während der gesamten Schwangerschaft habe ich ein Kinderbuch illustriert, und da hat dieses Kinderbuch mein komplettes Einkommen gesichert. Also dieser Illustrationsauftrag. Ansonsten kommt es sehr darauf an, was ich mich erlaube. In dem Moment, wo ich mir einbilde, nein, ich muss jetzt wieder als Archäologin arbeiten, damit wieder Geld ins Haus kommt, dann muss ich als Archäologin arbeiten. Aber wenn ich offen bin, sind auch andere Sachen möglich. Es ist eine Mischform aus verschiedene Sachen, die daherkommen dürfen. Und die Arbeit in der Erde – die Erde erdet mich dann auch. Das ist ein Teil, den darf man auch nicht vergessen.

War es ein Zufall, dass du schwanger warst und an einem Kinderbuch gearbeitet hast?

Ganz ehrlich war es so, dass ich, als ich schwanger geworden bin, in dem Moment überhaupt nicht schwanger sein wollte. Weil ich mir gedacht habe, das Leben, das ich führe, kann ich nicht führen, wenn ich ein Kind kriege. Ich habe noch eine Tochter, die ist schon vierzehn. Mit ihr ging es wunderbar. Das habe ich immer als Glück gesehen. Und jetzt habe ich mein Leben endlich so eingerichtet, dass ich mich traue, das zu leben, was ich bin und es geht auch finanziell. Nur: Wie schaffe ich das mit einem Baby? In dem Moment habe ich gedacht, das ist nicht zu machen, und ich war total verzweifelt. Dann habe ich meine Emails geöffnet und kriege eine Nachricht von einer Autorin, ob ich für sie ein Kinderbuch illustrieren will. Und ich habe dachte: Ah, so könnt’s gehen! (lacht) Genau so.

Was macht dir Stress?

Stress habe ich jetzt eigentlich nur mehr, wenn ich unausgeschlafen bin.

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