• Ali Mahlojdi (c) Klaudia BachingerAli Mahlojdi © Klaudia Bachinger
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“Existenzängste habe ich andauernd”

„Ich wollte schon als Kind wissen, was die Menschen arbeiten und warum“, erzählt Ali Mahlodji, Co-Founder von WHATCHADO.

Seine Idee, ein Handbuch der Lebensgeschichten zu machen, setzte er schließlich 2012 mit einem Recruiting-Video-Portal um, wo Menschen aus allen erdenklichen Berufsfeldern und mit unterschiedlichsten Backgrounds sieben Fragen zu ihrem Werdegang beantworten.

Von Klaudia Bachinger

Vor unserem Gespräch werde ich erstmal durch die bunten Räumlichkeiten geführt. Ali stellt mir jeden Einzelnen seiner mittlerweile 34 Mitarbeiter vor, mit Namen, Funktion und einer kurzen Lebensgeschichte. Persönlichkeit, Transparenz und Freiraum für Kreativität sind dem Jungunternehmer besonders wichtig. In den mit Quietschenten, Fotowänden und Regalen voller Spielzeug ausgestatteten Büros wird aber vor allem hochkonzentriert gearbeitet. Und wie Ali arbeiten viele hier an Stehtischen, weil der Mensch nicht für monotone Haltungen und langes Sitzen geschaffen sei, was sich negativ auf Kreativität und Leistungsbereitschaft auswirke, erklärt mir Ali. Darüber hinaus ist es den Mitarbeitern selbst überlassen, wann und wie viel sie pro Tag arbeiten, solange sie auch „delivern“.

Ali, auf eurer Plattform kann man sich die Lebensgeschichten vom Taxifahrer bis zum Bundespräsident ansehen. Wie viele Jobs hast du eigentlich bis jetzt gemacht?

Schon 42!! Meinen allerersten Job hatte ich mit 15 Jahren am Bau. Mein Vater hat immer zu mir gesagt: „Du wirst nie wissen, was du willst, weil dafür kennst du nicht alles. Aber du kannst herausfinden, was du nicht willst.“ Ich habe also alles Mögliche gemacht – von der Baustelle bis zum Bodenputzen, bis zur Kassa bei McDonalds oder zum Küchendienst. Aber erst die letzten fünf waren richtige Vollzeitjobs. Das jetzt ist mein zweiundvierzigster Job.

Und wie hast du die Jobs bekommen? Hattest du eine spezielle Berufsausbildung?

Also das Problem im Leben ist ja: Jeder von uns hat nur 24 Stunden. Davon schläft der Österreicher durchschnittlich acht Stunden und arbeitet zwölf Stunden am Tag. Mit Arbeitszeit meine ich auch: in die Arbeit fahren, mit Freunden darüber reden, vor dem Schlafen gehen darüber nachzudenken, usw. Und den Rest unserer Zeit nennen wir Leben – Freunde treffen, ins Kino gehen, Eis essen, gemeinsam kochen. Das sind nur vier Stunden! Ich habe mir dann gedacht, „was für ein eingeschränktes Leben wäre es, wenn ich nur das machen kann, was ich gelernt habe?!“ Und deswegen habe ich mich ziemlich früh davon getrennt zu sagen, nur das, was ich gelernt habe, kann ich auch arbeiten.

Als ich ein halbes Jahr vor der Matura die Schule geschmissen habe, hat meine Mutter geweint, aus Angst aus mir werde nichts. Ich habe dann einen Vollzeitjob in der Pharmaziebranche angenommen, wo ich schon nach eineinhalb Jahren Leiter wurde. Ich habe mir alles selbst beigebracht, bin in Kurse gegangen und habe Weiterbildungen gemacht. Parallel habe ich begonnen, eine Abendschule für Software-Engineering zu besuchen, und gleich noch einen Bachelor drangehängt. Irgendwann war ich dann Berater für einen großen Konzern und wurde von einer US-Firma abgeworben. Plötzlich war ich „Key Account Manager“ in drei Ländern, hatte einen fetten A4, extrem viel Geld, Aktienoptionen und mein Jobtitel war das Geilste überhaupt. Nur, ich war wahrscheinlich das größte Arschloch in dem Zimmer.

Ich habe dann einen ziemlich guten Burn-Out hingelegt und war zwei Monate im Spital. Danach bin ich nach Asien gereist, habe mir die Haare abrasiert, einen Irokesen geschnitten, mich von oben bis unten tätowieren lassen und meine erste Zigarette geraucht, weil ich wusste, dass ich nicht mehr in dieses Leben zurück möchte.

Ich bin also zurückgekommen und habe begonnen, in der Kommunikationsbranche zu arbeiten, wo ich ein Viertel meines früheren Gehalts verdient habe. Und gleichzeitig habe ich als Lehrer für Digitale Kommunikation am Gymnasium begonnen. Ich habe relativ schnell bemerkt, dass wir in einer Welt leben, wo niemand weiß, welcher Job der Richtige ist. Du findest Personen, die Mitte zwanzig sind, ihr Studium fertig und eine Weltreise hinter sich haben und auf die Frage, was sie machen wollen, antworten: „Hm. Ich weiß es nicht. Studiert habe ich ja das und das….“ Aber Tatsache ist, dass achtzig Prozent der Leute mir in den Interviews erzählen, dass sie den Job irgendwie durch Zufall bekommen haben.

Um jetzt aber auf die Frage zurückzukommen:

Ich hatte nie eine Ausbildung für das, was ich gemacht habe. Ich habe den Leuten im Vorhinein immer gesagt, dass ich das eigentlich nicht kann, aber dass ich das in drei Monaten lernen kann.

Mich interessiert, wie so ein Start-Up Unternehmen wie WHATCHADO eigentlich funktioniert? Deine Mitarbeiter haben extreme Freiräume, sie kommen und gehen wann sie möchten, dürfen selbst Entscheidungen fällen, usw. Wie geht das?

Es kommt darauf an, was dein Unternehmen macht. Ein Teil unseres Team zum Beispiel arbeitet ganz stark mit Kunden zusammen, die ab neun Uhr in der Früh zu arbeiten beginnen. Diesen Mitarbeitern kann ich nicht sagen, dass sie erst um zwölf Uhr beginnen können. Bei einem Softwareentwickler wiederum, will ich, dass er so gut und nachhaltig arbeitet wie nur möglich. Aber ein Developper ist vielleicht nicht um neun Uhr früh am effektivsten, sondern um 23 Uhr nachts. Je nach Tätigkeit muss ich den Leuten einen Raum geben, diese Tätigkeiten zu erfüllen, aber gleichzeitig garantieren, dass die Qualität stimmt. Es schadet einem Unternehmen, wenn du denn Leuten vorgibst, zu welcher Zeit sie ihre Arbeit erledigen sollen. Ich glaube, dass es am besten ist, den Mitarbeitern selber zu überlassen, wann sie ihre Tätigkeit verrichten, es aber koppelt an Ziele, die sie erreichen müssen. Meine Mitarbeiter haben alle Freiheit der Welt, aber sie müssen auch delivern.

Und natürlich agiere ich schon als Unternehmer. Wenn ich nun mit meinen Mitarbeitern nach Thailand fahre oder Ski fahren gehe, ist das natürlich cool und allen gefällt es. Nur um ehrlich zu sein: dahinter ist ein ziemlich egoistisches Ziel von mir. Dass es den Leuten gut geht. Ich kann es mir nicht leisten, dass meine Mitarbeiter wie Zombies rumlaufen oder zur falschen Uhrzeit falsche Jobs machen.

Das Glück deiner Mitarbeiter ist gleichgesetzt mit dem Erfolg deiner Firma?

Glück -  dort, wo ich es steuern kann. Ich kann nicht alle glücklich machen, das ist auch kein Ziel mehr von mir. Aber wir müssen für die Entfaltung der Leute sorgen. Das heißt nicht, dass jeder das macht, was er will.

Es muss also schon jemanden geben, der gewissermaßen „Leader“ ist?

Ja, auf alle Fälle. Ich bin zwar jemand, der oft zu den Leuten sagt: „Entscheidet es einfach selber, mir ist es egal. Ihr habt Zeit bis Montag 16 Uhr, denkt an alle Parameter und trefft eine Entscheidung!“ Wenn es bis dahin keine Entscheidung gibt, treffe ich sie. Ich habe auch gelernt, dass mir nicht alles gefallen muss. Es muss nicht alles so sein, wie ich es will. Das ist mir am Anfang echt schwer gefallen, aber am Ende des Tages ist es besser, dass Sachen fertig sind, als dass sie perfekt sind. Ich habe mich vom Perfektionismus komplett gelöst und das hilft auch in der Führung.

Würdest du sagen, dass du der Boss oder Manager bist, den du nie hattest?

Der Führungsstil von mir ist durch wenige Menschen geprägt, bzw. durch meine vielen Jobs. Bis auf eine Ausnahme, hatte ich nie gute Chefs. Bei diesem US-Konzern, wo ich gearbeitet habe, hatte ich einen Typ, der mir von Tag Eins an Dinge anvertraut hatte, die eigentlich kein Mensch wissen durfte. Er hat zu mir gesagt: „Wenn du weißt, wo wir stehen, dann kannst du auch bessere Entscheidungen treffen.“ Er hat jede Woche mit allen Mitarbeitern eine Stunde lang  Mitarbeitergespräche geführt und sich wirklich angehört, was uns wichtig war. Gleichzeitig war er sehr strikt, er hat wirklich geführt und ganz klar kommuniziert, was er will und was nicht. Und so ist es bei mir auch. Meine Leute merken, dass ich verdammt viel fordere. Aber sie verstehen auch, dass ich das mache weil ich an sie glaube. Jeder Einzelne hier drinnen kann Höchstleistungen erbringen, wenn du weißt, welchen Knopf du drücken musst.

Und wie belohnst du deine Mitarbeiter für ihre Leistung?

Es gibt nur ein paar Grundprinzipien, die bei WHATCHADO gelten: zum Beispiel, dass alle Menschen gleich viel wert sind und gleich behandelt werden. Ich habe zu meinen Leuten gesagt, dass ich nicht weiß, ob wir das überleben. Aber wenn wir in einem Jahr krachen gehen, muss es die geilste Zeit unseres Lebens gewesen sein. Die Leute hier müssen sich also auf das Spiel einlassen. Natürlich bekommen sie ihr Gehalt, aber vor allem bekommen sie einen Ort, wo sie etwas machen können, was sich direkt auswirkt. Wenn meine Mitarbeiter Verbesserungsvorschläge oder Ideen haben, die unsere Arbeit besser machen können, ist es ihre Aufgabe den Mund aufzumachen. Ich will einfach, dass sich meine Mitarbeiter weiterentwickeln. Und jeder, der heute hier rausgeht, soll irgendwie das Gefühl haben, es ist was weitergegangen. Das hat nichts mit einem Start-Up zu tun – das kannst du in jeder Company dieser Welt machen.

Und woher bekommst du deine Belohnung, deine Energie?

Ich bin irrsinnig dankbar für mein Leben. Ich bin Flüchtlingskind, Schulabbrecher, habe zehn Jahre lange gestottert und jetzt halte ich Vorträge in der UNO. Ich glaube manchmal echt jeden Tag, dass ich das Ganze nur träume. Und mindestens einmal im Monat sage ich, ich schmeiß’ alles hin. Aber wenn ich bedenke, dass wir am Anfang in einem Wohnzimmer gesessen sind… Oder wenn mir zwei Leute schreiben, dass das das Geilste ist, was sie je gesehen haben. Dann reicht mir das.

Und das Coole in dieser Welt ist: wenn du einmal verstanden hast, dass alles, was um dich herum herrscht, von Menschen gemacht wurde, die um nichts gescheiter sind als du selbst und du alles, was du willst in der Welt verändern kannst, wenn du checkst, dass du das selber steuern kannst – dann ist alles gut.

Kennst du dann überhaupt so etwas wie Existenzängste?

Andauernd. Existenzängste habe ich andauernd! Als Start-Up bist du immer vier bis sechs Monate vom Untergang entfernt. Immer. Auf das musst du dich einlassen. Am Anfang konnte ich gar nicht schlafen, ich hatte Schweißausbrüche und panische Angst. Dir wird manchmal echt schlecht, wenn du Geld überweisen musst und du weißt, dass du noch soviel Geld von Kunden bekommst, die sich einfach Zeit lassen, ihre Rechnungen zu bezahlen.

Aber ich versuche nach der Denke zu leben „was ist das Schlimmste, was mir passieren kann?“ Das heißt, wenn du dein Leben wirklich leben willst, musst du bereit sein, dich in den Augen anderer zu blamieren. Du musst ready sein, dass alle über dich lachen. Nur du selbst nicht. Und das ist es eigentlich.

Was würdest du Menschen empfehlen, die unglücklich in ihrem Job sind?

Ich würde Ihnen sagen, die Welt spielt sich draußen ab. Wenn du allen Ernstes jeden Tag etwas machst, was dich unglücklich macht, dann bist du einzig und allein selber daran schuld. Außer du hast zuhause vier Kinder, das ist dann natürlich etwas ganz anderes. Aber sogar da kenne ich Menschen, die ihr ganzes Leben verändert haben.

Ich rate ihnen auch, dass sie ihre verdammten Fixkosten senken. Sie brauchen keine zwei Handys, kein Auto, den zwanzigsten Urlaub oder riesige Geschenke zu Weihnachten.

Außerdem würde ich ihnen ihren Tagesablauf aufzeichnen und klarmachen, dass sie ihr Leben radikal ändern müssen. Die Leute hören im Radio, „es ist schon wieder Montag“ und am Mittwoch „es ist bald wieder Wochenende“. Ich würde ihnen sagen: „Hört auf solche Medien zu konsumieren und holt euch lieber die Informationen, die euch interessieren. Ändert euer Leben. Sofort. Komplett. Keine Ausreden. Und habt immer einen Zettel dabei mit dem Schlimmsten was passieren kann und der Antwort darunter.“

In den letzten zwei Jahren habe ich es geschafft, dass sechs Leute ihren Job gekündigt haben. Ich will eigentlich, dass Menschen ihren Job kündigen. Auch bei uns. Wenn einer bei uns etwas anderes machen will, dann will ich, dass er kündigt.

Du bist stolz darauf, wenn du Leute dazu bringst, zu kündigen?

Wenn Menschen kündigen, um das zu machen, was sie wollen, und weil das, was sie jetzt machen, sie unglücklich macht – sicher! Ich will, dass Menschen eine Delle in ihr Leben schlagen. Durchs Absitzen wird im Leben nichts besser. Die Zeit heilt Wunden, dort, wo man nichts verändern kann. Wenn jemand tot ist, ist er tot. Wenn eine Beziehung aus ist, ist sie aus. Aber wenn etwas ungelöst ist oder einen stört, dann ist die Zeit kein Helfer, sondern der größte Feind. Die Menschen glauben, dass sie Zeit haben, Dinge zu verschieben. Sie wissen es aber nicht.

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4 Comments

  1. jump-start e.U.

    Hello,

    Möchte gern zu Euren Veranstaltungen – 11.12. und 14.12. jedoch Zeit, Ort bitte nochmals posten!

    Danke
    MlG. Doris Kaiserreiner

    • viennoiserie

      HI Doris, kümmere mich gerade und nur um Interviews, aber habe dieses auf der Startseite gefunden…

      “Wien: täglich im Admiralkino in der Burggasse. Sonntagsmartinee am 7.12. und 14.12 jeweils 13 Uhr im Metro Kino. Am 11.12. um 19 Uhr Film&Gespräch in der Stadtwerkstatt, Skodagasse bei den Grünen Josefstadt.”

      Hoffe it helps out! liebe Grüsse William

  2. ÜBERWINDUNG seiner vom Kpf gestellten Grenzen…bringt alle KRAFT die du für dein LEBEN zum ERLEBEN des JETZT scheinbar benötigst.

  3. gleissi

    wow, so jung – und SO WEISE – BEWUNDERSWERTER MANN!!!!!
    wünsche der welt mehr solche chefs, solche firmen!

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