• Davor in seinem Salon © Andrea StojanovićDavor in seinem Salon © Andrea Stojanović
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  • Erschnitten: viele Pokale © Andrea StojanovićErschnitten: viele Pokale © Andrea Stojanović

Bist du zuhause? Arbeitest du? – Ich arbeite!

In dem kleinen montenegrinischen Städtchen Danilovgrad in Montenegro, betreibt Davor Žuža seit vier Jahren seinen eigenen kleinen Friseursalon in seinem Elternhaus. Der 26Jährige erzählt von seinem Werdegang, was er an der selbstständigen Arbeit schätzt und welche Bedeutung sie für ihn hat.

Von Andrea Stojanović

Wie alles begann

Davor: Bereits seit der Grundschule mache ich meiner ganzen Familie die Haare. Als ein Entschluss gefällt werden musste, was ich weiter machen werde, wollte ich Friseur werden. Meine Mutter fuhr nach Podgorica mit der Absicht, mich dafür einzuschreiben. Sie kam aber zufällig ins Gespräch mit einer Frau, die ihr erzählte, dass sie ihren Sohn für das Berufsbild „Grafiker“ eingeschrieben hätte, – also schrieb meine Mutter mich auch für die Grafik ein.

 

Sie kam nach Hause und sagte: „Du wirst kein Friseur, sondern Grafiker.“  Als sei es etwas Schlechteres, ein Friseur zu sein, da die Ausbildung kürzer dauert. Ich habe es in der Schule für Grafiker so ca. drei bis vier Monate ausgehalten, bis ich die Werbung für die Friseurakademie „Zoran“ in Podgorica sah. Ich habe mich dort eingeschrieben und damit die Mittelschule abgebrochen.

 

Nachdem ich ca. einen Monat die Akademie besucht hatte, gab es einen Friseurwettbewerb, bei dem ich antreten wollte. Auf meine Frage, ob ich teilnehmen dürfe, bekam ich von Zoran lediglich ein Schmunzeln. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal gelernt, den Kamm richtig zu halten. Ab dem Zeitpunkt fing meine tägliche achtstündige Übungsarbeit als Vorbereitung für den Wettbewerb an. Bei diesem ersten Wettbewerb belegte ich den vierten und fünften Platz; nach ein paar Monaten, als ich bei einem weiteren Bewerb in Belgrad antrat, wurde ich Zweiter und Dritter. Bis zu meinem 25. Lebensjahr wurde ich stets Erster und ab 25 kam ich auf die zweiten und dritten Plätze. Bei der Europameisterschaft bin ich in der Kategorie bis 25 Jahre sechster geworden und in Athen war ich unter den zehn Besten.

 

Als ich nach zehn Monaten die Akademie absolviert hatte, wurde ich von Zoran als sein bester Schüler übernommen und arbeitete bei ihm viereinhalb Jahre. Mein gesamter Freundeskreis kam stets zu mir nach Hause, um sich die Haare schneiden zu lassen. Da sich aber die abgeschnittenen Haare überall verteilten, fing meine Mutter an sich zu beschweren und somit richtete ich nur für meine Freunde diesen Raum ein. Es gab nicht einmal einen Spiegel, sondern nur mich, einen Stuhl und den Freundeskreis. Später fing die Arbeit an sich zu etablieren. Freunde brachten weitere Freunde zu mir, es kam immer mehr Arbeit hinzu und schließlich auch ein Spiegel und weitere Stühle.

 

Ich habe meinen primären Arbeitsplatz verlassen, da es nicht mehr notwendig war, bei Zoran zu arbeiten, da ich das auch alleine schaffe. Zu Beginn habe ich eine Schicht noch woanders gearbeitet und eine weitere zu Hause. Es ist mir zu viel geworden, selbst sonntags zu arbeiten, da all meine Freunde ans Meer fuhren und ich nicht mit konnte. Ich habe zwei bis drei Monate mit Volldampf so gearbeitet und habe dann realisiert, dass es nicht das ist, was ich mir vorstelle. Das ganze Geld und das alles war es mir nicht wert, wenn ich meinen Verdienst nicht ausgeben kann.

 

Ich habe mich dann dazu entschlossen, meine Arbeit nur zu Hause zu praktizieren und ausschließlich nur nach terminlicher Absprache. Nun haben sich bereits alle an dieses System gewöhnt.

 

Bedeutet das, dass du keine geregelten Öffnungszeiten hast?

 

Nein, habe ich nicht. Ich arbeite auch sonntags, ebenso in der Früh oder spät am Abend, wenn ich zu Hause bin. Ich fahre jetzt etwa für einige Tage nach Belgrad, und alle werden auf mich warten. Egal, ob das sonntags ist, in der Früh um fünf Uhr, am Abend um 24:00 Uhr – sie rufen mich an: Bist du zu Hause? Arbeitest du? –Ja, ich arbeite! Mein Bett befindet gleich hinter der Wand, die mich vom Salon und meinem Schlafzimmer trennt. Es fällt mir nicht schwer und somit geht es mir super. Ich plane gerade gemeinsam mit einem Freund einen Friseursalon in Podgorica zu eröffnen. Eine Schicht würde er arbeiten, die andere ich. Aber ich würde ebenso auch hier weiter arbeiten. Wir würden auch Angestellte haben und ebenso mit Terminvereinbarungen arbeiten. Ich wäre also nicht konstant dort.

 

Wenn du an diesen neuen Friseursalon denkst, was ist dir persönlich von Bedeutung? Bezogen auf dein Verhalten deinen Angestellten gegenüber? Welche Strukturen wird es geben und wie würde das alles laufen?

 

Ich mag keine Rigorosität und das Stellen von Bedingungen: „Du musst dieses und jenes“. Das Wort „müssen“ ist eine Katastrophe. Ich hatte für meine Ausbildung zu zahlen. Das bedeutete auch, dass ich gekommen bin, um etwas zu lernen. Es gab aber auch Schüler, die im selben Salon mit Einverständnis der Schule ihr Praktikum dort absolvierten. Diejenigen, die über die Schule dort waren, mussten putzen, kehren, das Frühstück besorgen, Rechnungen einzahlen, all diese privaten Angelegenheiten, fern ihrer Ausbildung. Ich habe gearbeitet und es war für mich selbstverständlich, dass ich den Besen in die Hand nehme und sauber mache, alles in Verbindung mit der Ausbildung. Aber ich habe nie Rechnungen eingezahlt. Ich habe den Salon nicht verlassen, da ich dafür gezahlt habe. Diese Schüler benötigen um einiges mehr an Zeit, bis sie etwas erlernen. Aber in diesem Beruf musst du hartnäckig sein und es wirklich wollen.

 

Was war für dich der größte Unterschied im Vergleich zu deinem früheren Arbeitsplatz, als du dich dazu entschlossen hast, selbstständig zu arbeiten?

 

Man fühlt sich gut, denn wenn du irgendwo angestellt bist, dann arbeitest du auf Prozentbasis oder für einen Lohn. Das gehört nicht dir. Das hier ist aber meines und es ist sofort ein anderes Gefühl. Du kannst hinausgehen, wann du willst, und du wirst nicht kritisiert wie: „Du hast das nicht gut gemacht, du hättest das so machen sollen, du warst nicht freundlich“, usw.. Es steht ständig jemand hinter dir um dich zu kontrollieren. Es ist ein anderes Gefühl, wenn du dein eigener Chef bist. Niemand kontrolliert dich und du machst alles alleine. Was du selbstständig verdienst, ist dir mehr wert, auch wenn es zehn Mal weniger wäre, als wenn es dir jemand anders geben würde. Jedoch habe ich das aber erst in die Gänge gebracht, indem ich dort und hier gearbeitet habe. Über den Freundeskreis hat es sich ausgeweitet und es kommen ständig neue Kunden hinzu und andere fallen ab. Alles ändert sich, nichts ist konstant.

 

Was für eine Bedeutung hat für dich Arbeit und dein Beruf?

 

Wie ich mich vergnüge und ausgehe. Es hat eine finanzielle Bedeutung. Obwohl – ich liebe meine Arbeit. Es langweilt mich nicht, wenn jemand zum Haareschneiden kommt. Diese Arbeit ist vielseitig, da es verschiedenste Frisuren gibt und jeder möchte etwas anderes. Somit ist es auch interessant. Es ist nicht jeden Tag dasselbe. Ich schneide zwar jeden Tag Haare, aber alle Frisuren sind unterschiedlich, sowie alles andere auch.

 

Gibt es etwas was dir Stress verursacht?

 

Stress? Nein. In diesem Beruf kannst du vielleicht jemanden beim Ohr schneiden, aber mir ist das noch nie passiert. Ich widme mich der Arbeit und bin aufmerksam. Ich bin seriös, solange ich schneide und arbeite. Im Wesentlichen bin ich aber unseriös. Aber nur wenn es um den Kopf geht, bin ich seriös. (lacht dabei)

 

Ich bin von meiner Arbeit nicht abhängig und könnte mich auch in einem anderen Berufsfeld sehen, auch wenn ich das liebe, was ich mache. Es ist nicht so, dass ich glauben würde, dass ich das bis zu meinem Lebensende machen werde. Wer weiß, vielleicht ergibt sich etwas anderes und Besseres. Und was mich glücklich macht? Mich zu vergnügen und wenn ich außerhalb des Hauses bin, fern von Arbeit, fern von allem. Am meisten, das Vergnügen selbst!

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