• aiko-0474
  • aiko-3733

Ich glaube, ich habe meine Wurzeln gefunden

Mein schönster Moment im Arbeitsleben war der Moment, in dem Arbeit und Leben im Jetzt eins gewesen sind

Von William Franck

Aiko Kaplan, Wien

…also wo ich irgendwie das Gefühl gehabt habe „ja, da passt, und so könnte es immer sein“. Also es ist irgendwie… es ist ein Gefühl, es ist nicht Arbeit sondern es ist Leben.

Zum Beispiel bei Reiki Behandlungen… Dort passiert es mir fast immer wiederkehrend. Wo ich das Gefühl habe „ja, so wie es jetzt ist, so ist es gut und das mache ich gerne, und das ist… könnte mir nichts anderes vorstellen… So im Moment sein, in dem ich was tue“. Es ist nicht nur ein Kopf-Ding sondern ein Gesamt-Ding, ein Ding, in dem Körper,  Seele und Geist eins sind.  Und das sind so Momente, die einfach passen.

Das Leben im „Jetzt“. Meine schreckliste Erfahrung hat mit Leerläufen zu tun, ich hasse Leerläufe, die ich in der letzten Zeit im wirtschaftlichen Bereich immer öfter erleben musste, wie ein Hamster im Rad, tun, tun, tun und es kommt nichts dabei raus. Und Du denkst Dir nur: Wofür? Es ist so eine Zeitverschwendung! Leerlauf… eine Tätigkeit ist leer, d.h. sie bringt nichts… wie soll man das beschreiben? Zum Beispiel : wir arbeiten zusammen mit einer Firma,… wahnsinnig liebe Menschen, aber vollkommen unstrukturiert… ein Produktionsbetrieb… sie sagen immer, sie wollen keine Hierarchie, keine vertikale Struktur sondern… eine horizontale, alle auf Augenhöhe… Das klingt im Ansatz gut, funktioniert dort aber nicht, weil die Koordination nicht klappt… Zum Beispiel: Du schickst eine  Email an eine bestimmte Person, und es wird erwartet, dass du eine Menge anderer Personen in copy setzt, damit alle Bescheid wissen. Und trotzdem kommt keine Antwort, geschieht nichts, denn keiner fühlt sich angesprochen. Oder es wird weitergeleitet an jemanden, den du nicht kennst und dann läuft im Rattenschwanz Vieles falsch oder es verläuft einfach  im Sand. brrr.

In dieser Zeit  konnte ich  mir vorstellen wie es ist, ein Burnout zu haben… daher der Begriff der Leere, Leerlauf, ja… Du bist nicht mehr bei dir, nur mehr im System, im Hamsterrad und hast den Kontakt zu Dir verloren, ja und das ist ein wichtiger Punkt ,den Kontakt zu seinem Selbst zu behalten. Bei sich zu sein, das ist super, das ist, worum es geht. Ist vielleicht ein meditativer Zustand, aber nicht im Sinne von „man ist zurückgezogen“, sondern man nimmt alles wahr, wie es dem anderen Menschen geht, du nimmst Dich selber war, und Du bringst es viel mehr auf den Punkt… Du kannst das, worum es geht viel besser in Worte fassen, auf den Punkt bringen. Denn die Hauptprobleme bei all diesen negativen Arbeitserfahrungen entstehen immer durch fehlerhafte oder mangelnde Kommunikation.

Welche Berufe hast Du gelernt?

Ich habe  Ethnologie studiert mit dem Schwerpunkt Japanologie. Und ich habe einen wirtschaftlichen Grundkurs gemacht, wonach  ich  im wirtschaftlischen Bereich tätig war, im Handel… Später habe ich eine Reiki Ausbildung absolviert… bin jetzt seit 8 Jahren Reiki Therapeutin, habe auch immer wieder ergänzende Zusatzausbildungen gemacht wie Qi gong, IBP (integrative body psychotherapy) , wo es sehr viel um die Gesamtheit Körper Seele Geist geht…

Wie kam es zum Ethnologie-Studium ?

Zuerst habe ich Kunstgeschichte studiert und ziemlich schnell gemerkt, dass das nicht meins ist…  ich war sehr zufrieden mit dem Japanologiestudium… das war damals mein Thema… die Auseinandersetzung mit dem Fremdsein…  was bedeutet es Fremd zu sein?… hat sich zum Glück  sehr viel  geändert heute! Aber  damals…ich – mit meinem (asiatischen) Aussehen -  war immer ein bisschen ein UFO, das habe ich gespürt, und es wurde mir auch sehr zu spüren gegeben. Ich wollte herausfinden, was das Trennende, was das Verbindende zwischen den Menschen ist.. Ich finde es spannend, bereichernd, wie verschieden Lebenswege laufen…  auch kulturell bedingt. Ich glaube, ich habe meine Wurzeln gefunden. Nicht in einem Land, sondern in einer Kultur, einer europäischen Kultur – und in meiner Familie.

Wie kommst Du  dann zur Wirtschaft?

Über meinen Vater, er ist Unternehmer in der Schweiz. Wenn man eine eigene Firma hat, legt man zu Hause nicht einfach die Aktentasche in die Ecke am Abend wenn man nach Hause kommt… man beschäftigt sich auch zu Hause mit dem Geschäftlichen, redet darüber auch in der Familie. Damals war gerade die Ostöffnung… da hat es sich ergeben… wir dachten, wir sollten die geografische Lage in Wien nutzen… Ich war ja in Wien wegen dem Studium und hatte meinen Mann hier kennen gelernt.  Gemeinsam mit meinem Mann haben wir eine Schwesterfirma in Wien gegründet, für den Handel, hauptsächlich mit den ehemaligen Ostblockländern.

Das mit den Leerläufen hat mit der letzten Wirtschaftskrise, bei uns spürbar ab 2009, zu tun… Letztes Jahr hat es sich verschlimmert, dieses Gefühl von… das kennen wir schon, es kann ja mal nicht so gut gehen… aber wenn es dann über mehrere Jahre lang so ist… dann muss man sich was überlegen, Konsequenzen ziehen. Und das war für mich ein Berufswechsel in ein komplett anderes Feld.

Zur Zeit arbeite ich im Hospizbereich. Ich bin Ehrenamtskoordinatiorin, zuständig für das interkulturelle Ehrenamtsteam. Vor 4 Jahren habe ich eine Ausbildung gemacht “Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleitung” – hatte ich vergessen zu erwähnen – ich war dann selbst ehrenamtlich im Hospizbereich tätig, weil Sterben und der Tod für mich wichtige Themen sind, die zum Leben dazu gehören und bei uns viel zu oft verdrängt oder tabuisiert werden. Meine persönliche Krise in meinem bisherigen Beruf im Handelsunternehmen hat mich dazu geführt, einen “Ausgleich” zu meiner unbefriedigenden, rein wirtschaftlichen Arbeit zu suchen, eine für mich sinnvollen Beschäftigung auf zu nehmen. Ich habe mich also zunächst nur ehrenamtlich dem gewidmet, was mir gefällt, mit der Zeit dachte ich es wäre doch schön wenn ich mich in diesem Gebiet auch vertiefen könnte etwa beruflich, professionell.

Dann hat mich eine Freundin darauf aufmerksam gemacht, dass die Caritas jemanden für den Hospizbereich sucht, ich solle mich doch bewerben,  es war für mich wahnsinnig aufregend… man muss sich das vorstellen, ich habe mich noch nie für irgendetwas beworben, bin mitte 40,…  als ich das sagte…meine Freunde haben mich angeschaut  „Du weisst gar nicht, wie gut es Dir geht”. Ich habe dann zum ersten Mal einen Lebenslauf erstellt,  auch eine schöne Sache: Revue passieren, was habe ich eigentlich bislang gemacht. Nun, es hat geklappt und ich bin mit 15 stunden pro Woche angestellt, was für mich perfekt ist neben dem Reiki, und neben anderen Dingen, die mir wichtig sind.  Das ist für mich Luxus!

Wenn man so leben kann, ist es schön.

Ich habe momentan den Luxus, es mir leisten zu können, so zu leben wie ich leben möchte.  

Und wie sieht es konkret aus, so zu leben, wie Du leben möchtest?

Ich möchte Dinge tun, die ich gerne tue. Ich möchte mich entwickeln können, mich treiben lassen können… stell Dir ein Kind vor, ja… ein Kind, das durch den Garten rennt und dann irgendwas sieht, es setzt sich nieder, spielt damit, so richtig mit voller Konzentration, und wenn es dann nicht mehr will… dann schmeisst es das Spielzeug weg und rennt weiter.

Allerdings, auf der anderen Seite habe ich gemerkt, dass ich schon auch eine Struktur brauche… 2 Tage in der Woche gehe ich ins Büro, um mich mit den anderen Mitarbeitern auszutauschen, und 2 Tage arbeite ich von zu Hause. Ich  kann mir das frei einteilen… ich koordiniere die Ehrenamtlichen, d.h. ich versuche den passenden ehrenamtlichen Begleiter für die verschiedenen Patienten zu finden. Es gibt einmal im Monat ein Treffen aller Ehrenamtlichen des interkulturellen Teams, zum gegenseitigen Austausch. Interkulturell deswegen, weil immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund bei uns sterben. Daher gibt es einen immer größeren Bedarf an Hospizbegleitern, die eine andere Sprache sprechen, und ihr Wissen um eine andere Kultur mitbringen.  Wenn jemand aus einem anderen Kulturkreis im Sterben liegt oder unheilbar erkrankt, ist es sehr wichtig, dass man von jemandem begleitet wird, der die eigene Muttersprache spricht und die kulturellen Gepflogenheiten der Ursprungsheimat kennt. Meine Arbeit ist die Beschäftigung mit dem Thema Tod und Sterben, aber eigentlich geht es um Leben.

Wann hast Du Dich das letzten Mal treiben lassen?

Gestern,  nein, Vorgestern… da hätte ich was arbeiten sollen, oder hatte mir was vorgenommen… dann habe ich es gelassen und habe eine Freundin getroffen. Aber es ist schon gut, dass ich diese  Fixpunkte habe, wo ich sage, ok… 2 mal in der Woche geh ich ins Büro und die rechnen dort mit mir, weil  wenn es dies nicht gäbe…

Hast Du des öfteren mit  Angst oder Stress zu tun?

Stresszustände jaaa,… ich kann mir gut vorstellen, wie man ins Burnout kippt. Es gab Momente, wo diese Leerläufe so belastend geworden sind, dass ich mir wirklich Sorgen gemacht habe. „So wie du jetzt da stehst im Leben so kann es nicht weiter gehen“… ja, weil ich glaube, dass so eine psychische Belastung und Unzufriedenheit irgendwann ins Körperliche übergeht und krank macht. Obwohl ich mit meiner Familie ganz gut geerdet bin. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man einen Leerlaufberuf auf Dauer ausüben kann, wie Menschen es schaffen in diesem Leerlauf zu leben…

Und der Begriff “Arbeit”, was ist Arbeit für dich?

Mein schönster Moment im  Arbeitsleben  war der Moment, wo Arbeit und Leben im Jetzt eins gewesen sind, also wo ich irgendwie das Gefühl gehabt habe „ja da passt, und so könnte es immer sein“. Also es ist irgendwie… es ist ein Gefühl, es ist nicht Arbeit sondern es ist Leben. Wenn man es wirtschaftlich sieht ist es schlicht die Tätigkeit zum Lebenserhalt, rein wirtschaftlich betrachtet. Wenn man Glück hat, macht die Arbeit einem Freude, wenn man Pech hat macht sie einem keine. Wenn man Glück hat, bringt sie viel ein, wenn nicht dann bringt sie nichts ein, oder sogar zu wenig um zu leben: aber es geht eben um mehr als reinen Lebenserhalt. Es geht um Entwicklung…also ich finde,  Arbeit kann auch eine Verpflichtung sein, sich weiterzuentwickeln, und nicht eine Entfremdung. Wenn man den Begriff neutral anschaut, dann sollte es im Sinne einer Entwicklung angeschaut werden.

Was würdest Du am liebsten tun, wenn Du ein garantiertes Grundeinkommen hättest?

Ich würde reisen, ganz viel reisen, und dann würde ich mich zurückziehen in ein Kloster im Himalaya, und dort würde ich darüber nachdenken, was als nächstes kommt… wenn ich keine Familie hätte, wäre ich gerne Nonne in einem Kloster. Die Arbeit einer Nonne ist es, sich mit spirituellen Dingen ausseinander setzen, das klingt verlockend für mich. Ich stelle mir vor, wie ich in einem Kräutergarten in einem friedlichen Kloster meditiere, einen geregelten Tagesablauf… ja, wäre schön. In mein derzeitiges Leben passt das nicht. Ich habe eine Famile, die ich liebe… ich heb mir das Kloster fürs nächste Leben auf.

Mehr über Reiki in Österreich:

www.reikitherapeutin.at und eine Forschungsaktion… http://www.oebrt.at/forschung_aktuell.html

Hey, like this post? Why not share it?

Leave a Comment